Expertenwissen

“M.O.I.S.T. wird die Grundlage für die Therapie chronischer Wunden werden”

Prof. Dr. med. Joachim Dissemond

Prof. Dr. med. Joachim Dissemond

Professor Dr. Joachim Dissemond wurde 1968 in Köln geboren. Seit 2003 ist er als Oberarzt in der Dermatologie an der Universitätsklinik in Essen tätig. Zudem ist er u.a. Gründungs- und Vorstandsmitglied von Wund-D.A.CH, 1. Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Wundheilung der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft und Vorstandsmitglied der Initiative Chronische Wunden e.V. Den gesamten Curriculum Vitae von Professor Dr. Dissemond finden Sie » hier.

Experteninterview

Das neue M.O.I.S.T.-Konzept wurde von einer Expertengruppe über den Wund-D.A.CH entwickelt und erstmals im April 2017 im Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (JDDG) publiziert 1. Sie selbst sind Teil dieser renommierten Expertengruppe. Was gab Ihnen den Anstoß, das bislang gängige T.I.M.E.-Konzept weiterzuentwickeln?

Professor Dr. Joachim Dissemond: Die Grundlage der erfolgreichen Therapie von Patienten mit chronischen Wunden basiert auf der Diagnostik und Behandlung der zugrundeliegenden, pathophysiologisch relevanten Erkrankungen. Begleitend hierzu sollte bei den meisten Patienten auch eine an den Phasen der Wundheilung orientierte, feuchte Wundtherapie durchgeführt werden. Die aktuell hierfür zur Verfügung stehenden Therapieoptionen sind sehr vielfältig, so dass es vielen Therapeuten im klinischen Alltag sehr schwer fällt, einen Überblick zu bewahren. Das 2003 erstmalig publizierte T.I.M.E.-Konzept war hierbei eine gute Hilfe die Konzepte der Lokaltherapie zu strukturieren. In den letzten fast 15 Jahren haben sich allerdings viele neue Aspekte und Therapieoptionen ergeben, die aus Sicht unserer Expertengruppe bei dem T.I.M.E.-Konzept nicht abgebildet werden. Es war daher das Ziel einer interdisziplinär und interprofessionell besetzten Expertengruppe für Wund-D.A.CH., den Dachverband der deutschsprachigen Fachgesellschaften im Wundheilungssektor, das bewährte T.I.M.E.-Konzept für die Systematik der Lokaltherapie chronischer Wunden weiter zu entwickeln, um auch aktuelle Optionen hierbei einbeziehen zu können.

M.O.I.S.T. ist ein Akronym, das sich aus den Anfangsbuchstaben der einzelnen Behandlungsoptionen zusammensetzt, die im neuen Therapiekonzept zusammengefasst werden. Gleichzeitig bedeutet das Englische Wort „moist“ im Deutschen „feucht“. Ist das Akronym M.O.I.S.T. daher auch ein Verweis auf die „feuchte Wundbehandlung“, die seit rund 50 Jahren als Standard in der Wundversorgung gilt?

Als Beginn der „modernen Wundversorgung“ wird gerne die 1962 in Nature publizierte Studie des britischen Arztes Dr. George D. Winter angegeben. Er konnte eindrücklich zeigen, dass Wunden mit einem feuchten Wundmilieu schneller heilen. Diese Daten führten zu einem Paradigmenwechsel in der Wundversorgung. Insofern passt das Akronym M.O.I.S.T. sehr gut um die Grundkonzepte der feuchten Wundversorgung abzubilden.

Vom ursprünglichen T.I.M.E. Konzept sind die Faktoren „T“ (Gewebemanagement), „I“ (Infektionskontrolle) und „M“ (Exsudatmanagement) geblieben. Warum sind diese Faktoren in der Wundheilung unverzichtbar?

Die mit „T“, „I“ und „M“ beschriebenen Faktoren des T.I.M.E.-Konzepts sind weiterhin zeitgemäß und wichtig. Hierzu gibt es viele wissenschaftliche Untersuchungen, die den zentralen, wichtigen Stellenwert belegen. Diese Punkte wurden daher leicht modifiziert für das M.O.I.S.T.-Konzept übernommen.

Mit dem Buchstaben „E“ wurde bei T.I.M.E. ursprünglich „epidermis“ und später „edge“, also der Wundrand, beschrieben. Warum entfällt dieser Faktor im neuen M.O.I.S.T.-Konzept?

Mit dem Buchstaben „E“ wurde in dem T.I.M.E.-Konzept sehr unterschiedliche Konzepte wie Debridement, Hauttransplantationen und biologische Wundtherapeutika zusammengefasst, die eine Reepithelisation vorbereiten oder unterstützen. Diese Aspekte sind weiterhin sehr wichtig, werden in dem M.O.I.S.T.-Konzept nun aber deutlich differenzierter dargestellt.

In den letzten Jahrzehnten haben sich viele neue Aspekte und Therapieoptionen ergeben. Das neue M.O.I.S.T.-Konzept wurde daher um „O“ (Sauerstoffzufuhr) und „S“ (Unterstützung des Heilungsprozesses) ergänzt. Warum sind diese Faktoren für ein modernes Wundmanagement so wichtig, dass sie die Erstellung eines neuen Therapiekonzepts bewirken konnten?

Durch die Buchstaben „O“ für „Oxygen balance“ und „S“ für „Support“ können aus unserer Sicht viel besser die aktuellen, oft zielgerichteten Therapieoptionen deutlich differenzierter miteinbezogen werden. Dies ist insbesondere für die sogenannten stagnierenden bzw. therapierefraktären Wunden von großer praktischer Bedeutung.

Stehen die fünf Faktoren von M.O.I.S.T. für sich alleine, oder kommt es bei der effektiven Lokaltherapie chronischer Wunden auf ein Zusammenspiel dieser Faktoren an?

Bei einer erfolgreichen Wundbehandlung sollten immer möglichst viele Aspekte berücksichtigt werden. Insofern ist das strukturierte Zusammenspiel dieser Faktoren essentiell.

Wie einfach lassen sich die fünf Behandlungsoptionen von M.O.I.S.T. in das tägliche Wundmanagement integrieren?

Das M.O.I.S.T.-Konzept berücksichtigt die relevanten Aspekte des täglichen Wundmanagements. Es stellt somit eine Strukturierung dessen dar, was zumindest in entsprechenden Zentren tatsächlich angewendet wurde. Insofern bin ich sicher, dass zumindest die Wundexperten dieses Konzept ganz leicht integrieren, da sie meist in den letzten Jahren schon so oder so ähnlich gearbeitet haben.

Sie sind als Oberarzt der Dermatologie in der Universitätsklinik Essen tätig. Zudem sind Sie im Vorstand des Wund-D.A.CH und des ICW e.V. Können Sie aus Ihrer persönlichen Erfahrung sagen, wie stark M.O.I.S.T. bereits praktiziert wird?

Nach der Erstpublikation im JDDG im April dieses Jahres und den Vorstellungen auf verschiedenen Kongressen, wie dem Deutschen Wundkongress 2017 im Mai mit knapp 5.000 Teilnehmer, war die Resonanz überwältigend. Mit Unterstützung der Fachgesellschaften wird dieses Konzept nun zunehmend als Behandlungsstandard im deutschsprachigen Raum akzeptiert und beispielsweise die Grundlage für entsprechende Schulungen darstellen. Insofern wird es sicher noch einige Zeit dauern bis flächendeckend entsprechend dem M.O.I.S.T.-Konzept gearbeitet wird.

Sie sagen selbst, dass die Präsentation von M.O.I.S.T. gerade auf dem Deutschen Wundkongress ein voller Erfolg war. Sind zukünftig noch weitere Aktionen geplant, um die Bekanntheit von M.O.I.S.T. zu steigern?

Das M.O.I.S.T.-Konzept wurde bereits in zahlreichen Publikationen veröffentlicht – weitere Publikationen folgen in den nächsten Monaten. Hier sind es unter anderem auch Standardlehrbücher wie beispielsweise Braun Falco‘s Dermatologie, die das M.O.I.S.T.-Konzept als Standard der Lokaltherapie chronischer Wunden aufgenommen haben. Der nächste große Kongress auf dem das M.O.I.S.T.-Konzept vorgestellt wird, ist der Wund-D.A.CH Dreiländerkongress für Wundbehandlung Ende September 2017 in St. Gallen. Zunehmend wird das M.O.I.S.T.-Konzept aber auch die Grundlage für die Wundtherapie chronischer Wunden in wissenschaftlichen Studien sein.


1 Zu den Mitgliedern der Expertengruppe zählen: Joachim Dissemond, Bernd Assenheimer, Peter Engels, Veronika Gerber, Knut Kröger, Peter Kurz, Severin Läuchli, Sebastian Probst, Kerstin Protz, Jürg Traber, Siegfried Uttenweiler und Robert Strohal.

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